KOKON-Serie

Der komplette Zyklus ist fotografisch dokumentiert. Die Fotografien sind alle in einer hohen Qualität 80x100 cm in Lambaprint hinter Acryl aufgezogen.

  • Kokon im Maisfeld
  • Kokon im Kornfeld
  • Kokon im Kornfeld
  • Kokon im Wald
  • Kokon in der Wiese
  • Kokon auf Aesten
  • 07_kokon
  • 08_kokon
  • 09_kokon

In dem aktuellen Werkzyklus setzt sich die Künstlerin auf vielfältige Weise mit dem Begriff der Metamorphose auseinander. Die Arbeiten von 2006/2007, die alle den übergreifenden Titel „KOKON“ tragen, veranschaulichen den Prozess der Wandlung und des Ausbruchs und beinhalten gleichzeitig eine Spuren- und Identitätssuche. In der Umsetzung greift die Künstlerin auf unterschiedliche Medien zurück und fügt schließlich alle Einzelteile zu einem multimedialen Werk zusammen.

Ausgangspunkt des Werkkomplexes bildet eine Performance, die im Februar 2007 anlässlich der „Rundgang“-Ausstellung an der Düsseldorfer Kunstakademie unter Ausschluss des Publikums stattgefunden hat. Dabei liegt die Künstlerin, einer pränatalen Situation gleichend, unbekleidet und zusammengekauert in einem lebensgroßen Papierkokon. In der nächsten Sequenz beginnt die Protagonistin langsam mit dem haptischen Erkunden des Innenraumes und versucht sich einen Weg nach Außen zu verschaffen. Die Entpuppung selbst gelingt nur mit großer körperlicher Anstrengung: Mit bloßen Händen bricht die Künstlerin den Kokon auf und kann sich mühsam einen Ausgang erarbeiten, um sich schließlich endgültig der Hülle zu entledigen. Der mühsame Akt des Aufbrechens wird zum Initialmoment, der den erlösenden Befreiungsprozess und die Metamorphose verdeutlicht.

Die Performance wird durch eine schwarz-weiße Fotoserie und eine Videoinstallation dokumentiert, die jeweils weitere Einzelteile des Gesamtwerkes bilden. Anders als bei klassischen Videofilmen besteht die Arbeit hier aus einzelnen Fotografien, die, als Filmstills aneinandergereiht, zu einem lautlosen, zeitverzögerten Video werden und sich als Endlosschleife im Ausstellungsraum präsentiert. Der langsame Ablauf der Bildsequenzen ermöglicht dem Betrachter Inne zu halten und sich mit der stetig wiederholenden Situation auseinanderzusetzen oder gar zu identifizieren. Der Aspekt der Wiederholung veranschaulicht den endlosen Prozess der Wandlung, der in der Übertragung auf die soziale Entwicklung des Menschen, bzw. auf die eigene Selbstfindung, nie abgeschlossen sein wird.

Bei der Herstellung der Kokons, welche die Grundform sowie das Leitmotiv der Werkreihe bilden, entwickelt Gabriele Kaiser-Schanz eine eigene Technik: In einem aufwendigen Verfahren werden die Formen aus mehreren übereinander gelagerten Hanfpapierschichten hergestellt. Eine speziell angefertigte Gitter-Stahlkonstruktion dient als Gerüst, das mit der Ummantelung einer Jute-Gipsschicht schließlich die Ausgangsform des Konkoneies bildet. Erst danach werden bis zu zehn Lagen gerissener Papierstücke sorgsam mit dem Pinsel zu einer homogenen Fläche zusammengekleistert. Nach einer Trockenzeit von mehreren Tagen entsteht eine äußerst stabile Kokonhülle, deren Oberflächenstruktur von der Beschaffenheit des Hanfpapieres geprägt ist. Bei der Materialwahl des handgeschöpften Papiers aus dem Himalaya-Gebiet greift die Künstlerin bewusst auf ein Naturprodukt zurück und verweist damit auf den eigentlichen Umkehrprozess, der durch die Nachbildung einer aus der Naturwelt entnommenen Urform entsteht.

Seine Fortsetzung findet der Zyklus in der Verlagerung von Kokons aus der bisher stilisierten Innenraumsituation in den Außenraum. Die Fotoserie der Außeninstallationen „Kokon im Maisfeld“, „Kokon auf Ästen“ u.a. dokumentiert diesen Akt, mit welchem der Werkkomplex seine formale und inhaltliche Fortsetzung findet. Teilweise unversehrte oder leicht „angebrochene“ Kokoneier, aber auch geöffnete und bereits entleerte Hüllen finden sich in Wald und Wiese auf Ästen oder in Erdlöchern wieder. Der Moment der Wandlung scheint bei einigen noch nicht vollzogen; Hinweise auf eine baldige Veränderung, auf den Status des Prozesses oder den Zeitpunkt der Entpuppung nicht ersichtlich. Befreit von jeglichem kontextuellen Bezug, versuchen sich die Kokons in die Umgebung zu integrieren. Durch die formale Ähnlichkeit täuschen die Objekte eine Zugehörigkeit zu Flora und Fauna vor und es entsteht eine Art Mimikri-Effekt, der sich jedoch all zu leicht wieder auflöst. Die Kokons werden weniger als Bestandteil der Natur, sondern eher als Störfaktor wahrgenommen, der den Betrachter verunsichert und irritiert. Mit den Außeninstallationen versucht Gabriele Kaiser-Schanz den aufgegriffenen Veränderungsprozess einer bisher komplex dargestellten Innenwelt nach Außen zu übertragen. Die Integration der Kokons in eine andere Raumsituation veranschaulicht eine weitere Erfahrungsebene – eine Entwicklungsstufe innerhalb des Wandlungsprozesses.

Wie bereits bei der vorangegangenen Performance findet der Akt per se, d.h. das Installieren der Kokons in der Natur, ebenfalls ohne Publikum statt. Der Kontakt zum Betrachter ergibt sich auch hier erst wieder im Kunstraum durch die Präsentation der begleitenden Fotoserie sowie der Ausstellung der Objekte. Zusammen mit den Kokonfragmenten aus der Performance bilden die entleerten sowie noch intakten Kokoneier aus der Außeninstallation den skulpturalen Teil des Werkkomplexes und sind zugleich Versatzstücke einer anderen Raumebene bzw. Entwicklungsstufe, die in die künstliche Welt des Ausstellungsraumes und somit in den Kunstkontext zurückgebracht werden. Die Kokonobjekte versinnbildlichen zum einen den Wandlungsprozess, indem sie als Artefakte vergangener Entwicklungsstufen und Zeitabschnitte fungieren. Zum anderen hinterlassen sie in ihrer Außen- und Innenraumpräsentation Spuren einer bereits vollzogenen oder eben noch nicht stattgefundenen Wandlung.

(Text: Natalie Gaida, M. A. Kunsthistorikerin)

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