Befreit von meinen Banden – ein anderer Exodus

Performance mit Sound (2016), Gefördert vom Kulturbüro Essen, Projektleitung und Performance: Gabriele Kaiser-Schanz, Soundinstallation: Nils Mosh

Die Performance zeigt den quälenden Befreiungsprozess einer Frau in drei Sequenzen. Inspiriert durch den theologischen Text des Buches Exodus nach Eugen Drewermann, der den israelitischen Auszug aus Ägypten individualpsychologisch auslegt.

1. Sequenz

Zu Beginn liegt die Künstlerin bewegungslos, wie ein „Fatschenkind“, stramm in Leinenbinden gewickelt. Das „Fatschen“ ist eine jahrtausendalte Praxis, die in verschiedenen Kulturen vorkam, um Babys stramm zu wickeln. Die Kinder wurden nicht liebevoll gewickelt, sondern gefesselt. Zuerst sind Windgeräusche zu hören, die an einen eisigen Wintersturm erinnern. Aus dem Off sind hallend Bruchteile des Gedichtes „Feiger Gedanken“ von Johann Wolfgang von Goethe zu hören. Die Künstlerin beginnt sich zaghaft aus den Leinenbinden zu befreien. Die Worte verklingen und es sind nur noch Variationen von Windgeräuschen, lauter, leiser….. zu hören. Sie zögert, hat Zweifel, führt den Befreiungsprozess weiter. Lauter werdend hört man Fragmente des Gedichtes “Feiger Gedanken“ von Johann Wolfgang von Goethe, das sich in ein Crescendo steigert. Die Künstlerin quält sich. Der Prozess der Befreiung bedarf körperlicher und psychischer Anstrengung. Am Ende sitzt sie erschöpft in ihren abgestreiften Banden da. Das so vertraute Leben, eingeengt, geschnürt, unfrei aber doch vertraut liegt nun hinter ihr. Ein neuer Abschnitt beginnt.

2. Sequenz

Die Künstlerin ist erschöpft, verunsichert und orientierungslos. Die neu gewonnene Freiheit ist fremd und beängstigend. Sie ist auf der Suche nach Geborgenheit, Schutz und nach sich selbst. Um ganz bei sich zu sein, meidet sie die Umwelt, baut einen Kokon um sich. Darin findet Sie Kraft und Ruhe. Zu hören ist nur der Puls, das rasende Herz, der unruhige Atem. Ganz leise, wie ein Flüstern beginnen sich Wind- und Wassergeräusche in die Geräusche von Herzschlag und Atem einzufügen. Erst nach und nach wird der Puls ruhiger, der Atem regelmäßiger. Die Aufregung legt sich. Seele und Körper finden zueinander. Mit ihrem neuen Selbst-Bewusstsein macht sie sich erneut auf in die Freiheit. Nun steigt die Künstlerin aus dem Kokon. Sie ist bereit für einen körperlichen und geistigen Neubeginn.

3. Sequenz

Die Künstlerin steht im Raum und beginnt ihren Körper zu ertasten. Diese zweite Freiheit ist neu und nicht beängstigend. Die Performerin erfühlt sich, tastet den Körper ab. Sie kann ihre Arme, Beine, Füße, Arme, Hände Gesicht bewegen. In der Soundinstallation wird die Performance nun durch Geräusche, die an das Plätschern von Bächen und Vogelgezwitscher erinnern, begleitet. Sie erkundet sich und will herausfinden, wer sie ist. Sie bewegt sich immer selbstbewusster und diese echte Freiheit genießend im Raum. Die Künstlerin ist befreit, nicht sichtbare innerliche Verletzungen und Banden werden sie durch ihr Leben begleiten. Sie hat ihren innerlichen und äußerlich sichtbaren Raum gefunden. Am Ende ist ein Ausschnitt aus dem Gedicht „Unzugänglich schien der Gipfel“ von Hans Carossa zu hören.

Der Auszug aus dem Gedicht „Unzugänglich schien der Gipfel“ von Hans Carossa (1878-1956):
Unzugänglich schien der Gipfel;
Nun begehn wir ihn so leicht.
Fern verdämmern erste Wege,
Neue Himmel sind erreicht

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